Seeing the Bigger Picture (Teil 2)

Im zweiten Teil von Louis's Serie “Seeing the Bigger Picture” machen wir einen historischen Ausflug, der zeigt, weshalb wir alle von einem vereinten Europa profitieren würden (hier findest Du den ersten Teil). 

Nun erklärt Louis, weshalb es zwar normal ist, dass wir uns Veränderungen widersetzen und uns an Strukturen klammern, die wir kennen - und dass wir dennoch dem Wandel verschreiben sollten.  

Wieso sind wir so besessen von Landesgrenzen?

Im vorherigen Artikel haben wir gezeigt, dass unsere Geschichte von pausenlosen, tiefgreifenden Veränderungen der sozio-politischen Strukturen geprägt ist. Wieso klammern wir uns dennoch so vehement an aktuelle Landesgrenzen?

Von Trumps „America First“ über Brexit und endlosen Streitigkeiten der Vereinten Nationen – Regierungen und Bürger auf der ganzen Welt sind derzeit streng darauf bedacht, ihre nationale Souveränität zu schützen. Die eigene Unabhängigkeit wird als Ideal gefeiert und als Schutz gegen Eingriffe von außen betrachtet. 

Obwohl Staaten oftmals bi- und multilaterale Abkommen eingehen, sind sie doch stets auf ihre nationalen Vorrechte bedacht. Natürlich ist es bei einigen Themen, etwa der Kinderrechtskonvention oder dem Verbot biologischer Waffen, relativ einfach, landesübergreifende Einigung zu erzielen. Doch geht es zum Beispiel um die Restriktion konventioneller oder nuklearer Waffen oder Finanzregelungen, sind Staaten plötzlich nicht mehr so erpicht auf gemeinsame Ziele. Das beste Beispiel dafür? Die Errichtung der Europäischen Union. Obwohl wir zahlreiche gemeinsame Richtlinien und Normen haben, sträuben sich die einzelnen Mitglieder bislang gegen eine politische Union. 

Stabilität durch Berechenbarkeit

In der aktuellen Serie haben wir bereits den Zerfall des Reiches Alexanders des Großen diskutiert. Weshalb betrauern wir diesen nicht? Wieso haben die Franzosen weder die Römische Invasion noch den Zerfall des Römischen Reiches lamentiert? Und wie kommt es, dass die starke Opposition gegenüber der föderalen Verfassung der USA in den späten 1780ern einem heute leidenschaftlichen Nationalismus gewichen ist? 

Die Antwort ist einfach: weil wir die heutigen Strukturen für selbstverständlich halten. 

Soziale Interaktionen basieren auf Berechenbarkeit. Das klappt am besten, wenn individuelle Bürger die sozialen Normen kennen und respektieren. Diese Berechenbarkeit impliziert für uns Stabilität: Wenn sich gesellschaftliche Normen regelmäßig grundlegend ändern würde, könnten wir sie nicht verinnerlichen und ihnen folgen. Aus diesem Grund entwickeln sich Normen eher allmählich über längere Zeiträume, durch Dialektik zwischen konservativen und progressiven Lagern, als dass sie in kurzer Zeit komplett über den Haufen geworfen werden. Manchmal allerdings kommt es zu einer Bruchstelle und eine Revolution ist unvermeidlich. Sobald diese vorbei ist, sucht die Gesellschaft ein neues Gleichgewicht, dass sich an neuen Normen orientiert. 

Als Gesellschaft sind wir daher, gleichermaßen von Natur aus als auch irrational, an die Strukturen, die wir gewohnt sind, gebunden - auf nationaler und lokaler Ebene. Wir sehen sie als Fundament unserer sozialen Interaktionen, die wir unbedingt aufrecht halten möchten. Dennoch würden wir uns, sollte sich unser System ändern, ohne jede Frage an neue Strukturen gewöhnen, bis sie für uns als neue Norm gelten. 

Dieses unerlässliche Streben danach, aktuelle Strukturen zu erhalten und zu ehren, bildet unsere Grundlage dafür, Traditionen zu begründen. Wir beharren auf ihnen um ein Bewusstsein von Identität zu entwickeln - im Falle von Nationalstaaten sogar einer Neigung zu nationalistischen Stimmungen. 

Das Ende der Welt, wie wir sie kennen

Doch was bedeutet es eigentlich für einen Staat „souverän“ zu sein? Was bedeutet es für ein Volk, „unabhängig“ zu sein? Das ist leicht zu beantworten: Souveränität ist die Fähigkeit einer Gruppe von Menschen, eigene Entscheidungen entlang eigener Ziele und Werte zu treffen, ohne Einflussnahme äußerer Kräfte. 

Aus realpolitischer Perspektive bedeutet nationale Souveränität die Unabhängigkeit von anderen Staaten und nichtstaatlichen Institutionen. Soviel zur Theorie. 

In einer vernetzten Welt allerdings ist nationale Souveränität zunehmend durch die wirtschaftliche Macht anderer und die Abhängigkeit von äußeren Akteuren eingeschränkt – von anderen Staaten bis hin zu privaten multinationalen Konzernen. Doch was bringt es einem Staat, nominell unabhängig von Dritten zu sein, wenn man wegen wirtschaftlicher Einschränkungen dennoch nicht in der Lage ist, eigene Entscheidungen zu treffen? Was hilft es, die Freiheit zu haben, dem eigenen Weg zu folgen, wenn man die Konsequenzen dieser Entscheidung nicht tragen kann? Dann ist man plötzlich wie ein Mann, der sich frei dazu entscheidet, alleine im Wald zu leben, da er hier unabhängig und frei ist. Doch auch wenn wir uns dazu entscheiden, "unabhängig und frei" zu leben, würden wir immer ein Leben innerhalb einer Gesellschaft suchen, da wir uns aufeinander verlassen und einander zutiefst brauchen. 

Schauen wir in die Zukunft, ergeben sich zwei Möglichkeiten für die Menschheit: Entweder endet unsere Existenz durch Kriege oder Umweltzerstörung. Oder wir schaffen es, weiterzuleben. In letzterem Szenario scheint es sowohl historisch gesehen als auch logisch unmöglich, dass unsere Nationalstaaten in ihren aktuellen Grenzen für immer weiterbestehen. So oder so werden sich unsere Länder weiter entwickeln. Einige werden ihre institutionelle oder geografische Struktur ändern, andere werden gänzlich verschwinden und neue ihren Platz einnehmen. Unsere Zukunft ist endlos, daher kann dieser Vorgang Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende dauern. Doch es wird passieren. Wir können sicher sein, dass jede einzelne Struktur, wie wir sie kennen, enden wird oder sich zumindest so weit ändern wird, dass wir sie nicht wiedererkennen werden. Keine USA mehr, kein China mehr, kein Frankreich – zumindest nicht, wie wir diese Länder derzeit kennen und schätzen. 

Doch lasst uns diese Veränderungen nicht fürchten. Nicht zuletzt, weil historische Zyklen ein natürlicher Teil unseres Lebens sind. Wir kennen sie aus unserer Vergangenheit - und wenn wir uns heute umschauen, sind die Dinge so schlecht nicht ausgegangen. 

Wie ein Kind, das nach und nach erwachsen wird, verändern soziale Strukturen zwar ihre Identität, entwickeln sich jedoch weiter. Nur ein vehementer Widerstand gegen Veränderungen – ein Kind, das sich weigert, erwachsen zu werden -  verurteilt uns zum Scheitern. Wenn wir uns darauf konzentrieren, unsere Länder intakt zu halten und ihre Form über den Inhalt stellen, werden wir bald der Vergangenheit angehören und geben unsere Identität und Werte zugunsten von Grenzen und Institutionen auf. Natürlich können wir nicht mit Gewissheit sagen, dass jede Veränderung gut ist und wir konstanten Fortschritt durchlaufen werden. Aber sich dem Wandel von Anfang an zu widersetzen ist nutzlos. 

Die Aussicht, dass unsere Nationalstaaten sich verändern und eines Tages vielleicht sogar verschwinden werden, sollte nicht gefürchtet oder blind angefochten werden. Nach alldem, was wir gesehen haben, hat zum Beispiel auch die über Tausend Jahre alte französische Monarchie irgendwann einer gerechteren Republik Platz gemacht. Wir sollten daher die Aussicht auf Wandel als Chance gutheißen, die wir ergreifen, leiten und ermutigen sollten

Über den Autor:

Louis arbeitet derzeit für die Vereinten Nationen in Nairobi, Kenia. Zuvor unterstützte er die UN an der Elfenbeinküste und in New York. Unter anderem war er für die Europäische Kommission im Bereiche Political Affairs tätig sowie im Europarat für den Bereich Anti Geldwäsche. Louis ist leidenschaftlicher Anhänger der EU und Weltföderalist, der ständig nach spannenden Diskussionen über sozio-politische Themen Ausschau hält. Einige Gedanken teilt er auf seinem Blog Food For Thought.

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Louis Drounau

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