Seeing the Bigger Picture (Teil 1)

Dies ist der erste Teil der Serie „Seeing the Bigger Picture“ von Louis Drounau: Einer Reise durch die Geschichte, die zeigt, wie wir alle von einem integrierteren Europa profitieren würden.

Einer für alle und alle für einen? Wie unsere heutige Politik vor über 2000 Jahren geformt wurde

Während des größten Teils der Menschheitsgeschichte war es für gewöhnliche Bürger kaum möglich, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Bestimmt wurde sie stattdessen durch den Ausgang von Schlachten und die Entscheidung von Kaisern und Königen, strategisch zu erobern oder zu heiraten. Erst die Demokratie gab den Menschen die Möglichkeit, mitzubestimmen. Heute können sie die Größe und die Form ihrer politischen Gemeinschaft frei wählen, sich vereinigen oder sich trennen. 

Und dennoch nehmen wir diese Möglichkeit kaum wahr. Wir passen Gesetze an – aber dahinterstehende Maximen bleiben intakt. Grenzveränderungen oder Zusammenschlüsse von Staaten finden höchst selten statt. Warum ist das so? Um das herauszufinden, müssen wir zuerst verstehen, wie sich sozio-politische Strukturen im Laufe der Geschichte verändert haben.

Jede Struktur entsteht, wächst – und zerfällt

Wir lernen es in der Schule, und doch fällt es uns kaum auf: Ständig sind im Verlauf der Geschichte sozio-politische Strukturen entstanden und wieder verschwunden. Imperien, Königreiche und Stadtstaaten sind aufgestiegen, gewachsen, und wieder verschwunden.

 „Und als Alexander die Ausmaße seines Reiches sah, weinte er – denn es gab keine Welten mehr zu erobern.“ 

Zum Zeitpunkt seines Todes im Jahr 323 vor Christus umspannte Alexanders Domäne die ganze damals bekannte Welt, von Griechenland im Westen bis Indien im Osten. Was davon ist heute noch übrig? Doch der Wandel einer sozio-politischen Struktur beschränkt sich nicht nur auf seine geografischen Ausmaße. Frankreich zum Beispiel war für den Löwenanteil seiner Geschichte eine zentralisierte und immer stärker absolutistische Monarchie. 

1789 wurde es zur Bühne einer Volksrevolution, wurde dann kurzzeitig zur Republik, versuchte sich an mehreren Arten der Kollegialregierung, wurde Kaiserreich, führte das Königtum wieder ein, wurde erneut Republik, dann wieder Kaiserreich. Seit langer Zeit ist es nun eine Republik, auch wenn sich Verfassung und Institutionen über die Zeit stark verändert haben.

Anderes Jahrhundert, gleiche Geschichte

Auch in anderen Regionen lassen sich immer neue Veränderungen in der Regierungsstruktur erkennen. Nach dem Tode Alexanders sah Kleinasien – das heute türkische Anatolien – den Aufstieg verschiedener Dynastien wie der Attaliden und der Seleukiden, bevor es 600 Jahre lang Teil des Römischen Reichs wurde. Im 11. Jahrhundert begannen seldschukische Türken die Halbinsel zu überrennen, die sich bald den Mongolen ergaben, welche wiederum später vom Osmanischen Reich absorbiert wurden. Es sollte noch weitere 500 Jahre dauern, bis nach der Niederlage der Osmanen im Ersten Weltkrieg der Türkische Staat entstand, den wir heute kennen. Dieser Husarenritt durch die Geschichte zeigt, wie wechselvoll die Geschicke Europas stets waren. Gleiches gilt für die Provinzen des Alexanderreichs und letzten Endes für allen Ecken der Welt.

Warum ändern sich sozio-politische Strukturen überhaupt?

Die Liste der sozio-politischen Gebilde ist endlos, die einst für lange Zeit Teile der Welt beherrschten und nun nicht mehr existieren. Für diesen Wandel gibt es verschiedene Gründe: Ein Faktor ist militärische Stärke. Kaiser- und Königreiche wurden größer und stärker, bis sie von einem überlegenen Feind besiegt wurden. Mal wurden ihre Grenzen beschnitten, mal wurden sie gleich von der Landkarte getilgt. Manchmal unterlagen sie auch einem vermeintlich schwächeren Gegner, weil sie von innen morsch geworden waren. Bürgerkrieg oder Unruhe innerhalb bestehender Strukturen können große Staatsgebilde auseinanderbrechen lassen oder drastische Reformen erfordern. Andere, externe Faktoren spielen auch eine Rolle. 

Die Geburt neuer Ideologien – Republikanismus, Demokratie, Leninismus, Maoismus – hat in vielen Ländern zu einer vollständigen Umstülpung staatlicher Institutionen geführt und politische Strukturen stark beeinflusst. Die erste russische Revolution 1917 schwemmte mehr als 400 Jahre zaristischer Geschichte innerhalb einer Woche fort. In China führte der Kampf zwischen Nationalisten und Kommunisten zur faktischen Teilung des Landes in zwei separate Staaten. Auch sich verändernde gesellschaftliche Normen spielten eine Rolle. So wurde es für Regierungen mit der Zeit immer schwieriger, Protest mit Gewalt zu unterdrücken, da die öffentliche Meinung für sie an Bedeutung gewann. Neue Technologien, wie die Verbreitung der Fotografie in den Medien, spielten eine bedeutende Rolle für die Entkolonialisierung und andere Revolutionen. Wir haben stets gemeinsame Institutionen gesucht. 

Interessanterweise bietet die Geschichte auch Beispiele sozio-politischer Strukturen, die sich zum Zusammenschluss mit anderen entschieden und so neue, gemeinsame Institutionen schufen. Polen-Litauen ist ein frühes Beispiel einer solchen Entwicklung. Beide Länder vereinten sich in der Lubliner Union von 1569. Diese Union währte zweihundert Jahre lang und zerbrach erst, als wiederholte Teilungen durch feindliche Nachbarn es zwischen 1795 und 1919 von der europäischen Landkarte wischten. 

Auch die seit Beginn des 17. Jahrhunderts nach und nach gegründeten 13 nordamerikanischen Kolonien beschlossen noch während ihres Unabhängigkeitskriegs 1777, sich durch die Konföderationsartikel in einer gemeinsamen politischen Struktur zu binden. Schließlich begann nach dem massenhaften Morden im Zweiten Weltkrieg der europäische Integrationsprozess. Mit dem Vertrag von Rom 1958 begonnen, dauert er noch immer an. Es zeigt sich also, dass sich historische sozio-politische Strukturen nicht einfach durch eine stille, allmähliche Evolution in die uns heute bekannten Staaten verwandelt haben. Stattdessen durchliefen sie ständige Neuerfindungen und schöpferische Zerstörungen von Strukturen, die teilweise Jahrhundertelang währten, um dann - teils gegen ihren Willen, teils als Antwort auf ihre Umwelt - neuen Systemen zu weichen. Das Reich Alexanders ist - wie andere - zwar lange schon Vergangenheit. Aber es dauert in der Erinnerung fort und sein Vermächtnis wirkt auch heute noch auf die Gebiete und Völker in seinem früheren Herrschaftsbereich. Wir haben es nicht vergessen: Wir erinnern uns an seine Existenz, schätzen eine Errungenschaften - und doch trauern wir ihm nicht hinterher. Das Leben geht trotzdem weiter.

Lasst uns die Strukturen der Zukunft in die Hand nehmen

Noch einmal wollen wir den Blick weiten, um zu verstehen, was die unausweichlichen Veränderungen sozio-politischer Strukturen uns wirklich verdeutlichen: Sie zeigen uns, dass die Nationalstaaten nicht immer so sein werden, wie sie heute sind. Sie mahnen uns, dass die Grenzen, mit denen wir aufgewachsen sind, sich eines Tages verändern werden. Sie ermutigen uns, zu überlegen, wie wir eine stärkere Union schaffen können, die besser gerüstet ist für Europas Zukunft und die vor uns liegenden Herausforderungen. 

Unsere kleinen europäischen Staaten verlieren an Bevölkerung und, auf sich gestellt, an relativer Wirtschaftsmacht. Der Aufstieg von Entwicklungsländern und die Neujustierung wirtschaftlicher Verhältnisse ist nur natürlich und sollte akzeptiert werden. Aber diese Entwicklungen bedeuten zwangsläufig, dass wir, wenn wir alleine stehen, es nicht schaffen werden, uns international Gehör zu verschaffen. Wir Europäer müssen endlich die Flamme der Veränderung entzünden und der Welt zeigen, dass es keine Hindernisse, keine Unterschiede, und keine Schrecken der Geschichte gibt, die Menschen auf der Suche nach einer besseren Zukunft überwinden können. Und wir sollten nicht zaudern: Der Wandel wird kommen, so oder so. Lasst ihn uns gestalten.

Über den Autor:

Louis arbeitet derzeit für die Vereinten Nationen in Nairobi, Kenia. Zuvor unterstützte er die UN an der Elfenbeinküste und in New York. Unter anderem war er für die Europäische Kommission im Bereiche Political Affairs tätig sowie im Europarat für den Bereich Anti Geldwäsche. Louis ist leidenschaftlicher Anhänger der EU und Weltföderalist, der ständig nach spannenden Diskussionen über sozio-politische Themen Ausschau hält. Einige Gedanken teilt er auf seinem Blog Food For Thought.

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Louis Drounau

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